Gedanken zu Arbeitskultur und Führungskultur

„Sie haben es ja auch gleich geschafft.“

Diesen Satz höre ich vor kurzem während eines intensiven Führungskräftetrainings, kurz vor 17 Uhr, von einer Kollegin, die das Seminar organisiert. Und in mir regt sich sofort eine Gegenstimme: Nein – ich möchte gar nicht „fertig“ sein. Denn diese Tage sind keine Last, die man hinter sich bringt. Sie sind erfüllend, lebendig, voller Begegnung.

Doch genau da beginnt die Irritation: In diesem kleinen Satz steckt eine ganze Haltung. „Sie haben es geschafft“ heißt nicht: „Etwas vollbracht“ oder „etwas erschaffen“. Es heißt: „Es endlich hinter sich gebracht.“ Arbeit wird zur Strecke, die man absitzt, zur Pflicht, die man überlebt, bis man endlich ins „eigentliche Leben“ entlassen wird.

Warum wir Arbeit oft als Belastung erleben

Viele Menschen erleben Arbeit tatsächlich so: als Zwang, als Durchhalteübung, als etwas, das müde macht. Kein Wunder – wenn Strukturen darauf angelegt sind, dass wir funktionieren, statt gestalten zu dürfen. Wenn Zeitpläne und Systeme das Handeln diktieren, statt Sinn und Begeisterung. Wenn Führung vor allem Kontrolle bedeutet, nicht Vertrauen.

Und doch: Arbeit muss nicht so sein.

Meine eigene Erfahrung

Ich darf das sagen, weil ich es selbst erlebt habe: 15 Jahre in der Pflege, im Drei-Schicht-System. Frühdienst, Spätdienst, Nachtdienst. Zwölf-Tage-Schichten am Stück, Wochenenddienste – für mich war das normal.

Und trotzdem habe ich meine Arbeit geliebt. Nicht, weil sie leicht war – sondern weil sie sinnvoll war. Weil sie meine Berufung war. Ob als Pflegekraft, in der Leitung oder später im Management: Ich bin aufgegangen in dieser Aufgabe. Es war anstrengend, ja – aber nicht im Sinne von lähmend, sondern im Sinne von intensiv und lebendig.

Und genau das ist der Unterschied. Belastend ist Arbeit nicht per se. Belastend ist Arbeit, wenn sie sinnlos wirkt, wenn sie uns entfremdet, wenn wir keinen Gestaltungsspielraum haben. Erfüllend ist Arbeit dann, wenn wir das Gefühl haben: Ich bewirke etwas. Ich gestalte. Ich bin Teil von etwas Größerem.

Was das für Arbeits- und Führungskultur bedeutet

Hier kommt Führung ins Spiel. Führung entscheidet darüber, ob Arbeit als Last oder als Möglichkeit erlebt wird. Eine Führungskultur, die auf Kontrolle, Misstrauen und starren Regeln basiert, macht Menschen klein und erschöpft sie. Eine Kultur, die Vertrauen schenkt, Sinn vermittelt und Gestaltungsspielräume eröffnet, lässt Menschen wachsen.

Die Frage lautet also: Welche Haltung prägt unsere Arbeitskultur? Wollen wir Menschen, die es „endlich geschafft“ haben – oder Menschen, die stolz sagen können: „Ich habe etwas geschaffen“?

Ein kleiner Unterschied mit großer Wirkung

Vielleicht müssten wir unsere Sprache ändern:

„Du hast es bald geschafft.“

„Du bist mittendrin.“

„Schön, was du geschaffen hast.“

Denn in dieser kleinen Verschiebung steckt ein Schlüssel: Arbeit nicht als Zumutung zu begreifen, sondern als Möglichkeit, zu wirken, zu gestalten, Mensch zu sein.

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